Vom Hamster und den sieben Zwergen

Mittwoch, 6. Februar 2013
Wo soll ich bloß anfangen?
Diese Frage haben sich meine Mitpatienten und ich in der Klinik wirklich sehr oft gestellt. Und auch jetzt drängt sie sich wieder auf. Denn auf der einen Seite sind die 9 Wochen, die ich der Klinik war, so wahnsinnig schnell vergangen, und auf der anderen Seite ist in der Zeit für mich so viel passiert – weniger im Außen, sondern vielmehr im Innern.
Wo also anfangen zu erzählen?
Die Antwort darauf ist ganz simpel: Einfach irgendwo – der Rest wird sich schon daraus ergeben.

Also fange ich einfach irgendwo an.

Bevor ich in die Klinik kam, hatte ich ehrlich gesagt keinerlei Vorstellung, was mich dort erwarten würde. Ich hatte keine große Erfahrung mit Psychotherapie, geschweige denn mit Gruppentherapie oder Spezialtherapien, wie z.B. Musiktherapie. Ich hatte aber auch gar nicht das Bedürfnis, allzu viel im Vorfeld wissen zu müssen. Ich wollte das einfach alles auf mich zukommen lassen, wenn es soweit war. Ich wusste nur eins: Dass ich ein unglaublich gutes Gefühl bei der Sache hatte.
Am Ankunftstag war ich aber doch ganz schön aufgeregt. Wie wohl die Mitpatienten in meiner Gruppe so sein werden? Und mit wem werde ich das Doppelzimmer in der ersten Zeit teilen? Werde ich morgens aus dem Bett kommen? Wie groß wird das Heimweh sein? Und ob das Essen wohl gut ist? Das sind nur ein paar der Fragen, die mir an dem Morgen durch den Kopf schossen.  Und dann war ich einfach da, in der Klinik, und habe mich vom ersten Moment an total wohlgefühlt.
Wohlfühlen ist neben den ganzen therapeutischen Maßnahmen glaube ich ein ganz wichtiger Aspekt, wenn man sich auf einen solchen Klinikaufenthalt einlässt. Daher reisen viele mit relativ großem Gepäck an – ich natürlich auch. Ich wollte auf so wenig wie möglich verzichten, was für mich auch zuhause normal war. Und so habe ich neben einer großen Auswahl an Klamotten unter anderem auch Kuscheldecke, Wärmeflasche, Teddybär, Bademantel, Teeauswahl mit Teetasse und Laptop eingepackt. Als mir dann beim ersten Rundgang durch die Klinik die Aromabäder, also Räume mit einer schönen großen Eckbadewanne, für welche man sich beim Pflegepersonal Aromaöl-Badezusätze holen konnte, und die Sauna gezeigt wurden, konnte ich mir noch besser vorstellen, dass ich es dort eine Weile aushalten könnte.

Am Tag nach der Ankunft bin ich dann gleich voll ins Klinikgeschehen eingestiegen. Auch wenn man am Tag in der Regel nur zwei Therapieeinheiten hat, so kann es schon passieren, dass man die ersten Tage leicht überfordert ist, da man noch mit den Kontaktzeiten beim Pflegepersonal am Morgen und Abend, den Essenszeiten, der Orientierung im Haus und natürlich der Gruppe konfrontiert wird. Mich hat da wieder das altbekannte “Oh mein Gott! Hoffentlich vergesse ich nichts!”-Gefühl beschlichen, sodass ich nicht drum herum kam, immer einen Terminplaner bei mir zu haben. Sicher ist sicher, denn ich war mit dem Kopf nur allzu oft wo anders.
Meine erste Therapieeinheit war die Musiktherapie, die neben der Gestaltungstherapie und dem Dreidimensionalen Gestalten als künstlerische Therapie in der Sonnenberg Klinik angeboten wird. Jede Gruppe hatte eine solche Therapie auf dem Programm, wobei ich nie dahinter gestiegen bin, wie dabei die Auswahl erfolgt ist, ob man nun Musik- oder Gestaltungstherapie hat. Ich war auf jeden Fall total glücklich, dass meine Gruppe Musiktherapie hatte, denn Musik ist für mich sehr wichtig.  Und als Therapieeinstieg war es dadurch für mich auch einfacher. Bei der Musiktherapie wird die Musik als Ausdrucksform für Gefühle und Stimmungen verwendet. Im Musiktherapieraum gab es viele Instrumente zu Auswahl, aus denen man sich in jeder Stunde eins aussuchen konnte, auf dem man anschließend zusammen in der Gruppe musiziert hat. Das ging natürlich nicht nach Noten, sondern man spielt nach Stimmung. Und das hat oft zu ganz erstaunlichen Klangteppichen geführt.
Überhaupt war ich erstaunt, was sich aus der Gruppe heraus so alles ergeben hat. Bis auf die eine Einzeltherapieeinheit, die ich pro Woche hatte, haben alle anderen festen Therapieeinheiten in der selben Gruppe stattgefunden. Ich war also gezwungen, mich den Mitpatienten gegenüber zu öffnen, und wurde dementsprechend auch mit ihren Themen konfrontiert. Das war natürlich nicht immer leicht. Für manches schämt man sich ja vielleicht oder es erzeugt Unbehagen, wenn man sich gegenüber anderen so “nackt” zeigt. Doch habe ich die Arbeit in der Gruppe als unglaublich wertvoll zu schätzen gelernt. In den Geschichten und Erlebnissen der anderen hat man oft eigene Themen wiedergefunden und wenn man selbst über ein Thema gesprochen hat, so kamen von den anderen viele Ideen, Rückmeldungen und Ratschläge – das kann ein einzelner Therapeut gar nicht leisten! Erstaunlich war für mich auch, was ich zu meiner Selbst- und der Fremdwahrnehmung der anderen von mir erfahren habe. Da hat mich das eine oder andere doch schockiert und zum Grübeln gebracht, v.a. wenn Selbst- und Fremdwahrnehmung so völlig konträr sind und man sich dessen gar nicht bewusst ist. Da sind Missverständnisse – auch in der Gruppe – unweigerlich vorprogrammiert. Doch gab es in der Klinik den Raum, auch auf solche Dinge einzugehen. Man lernt sich dadurch in der kurzen Zeit, die man miteinander verbringt, auf einer so ganz anderen Ebene kennen, als das außerhalb der Klinik der Fall ist. Die alltäglichen Lebensumstände treten sehr stark in den Hintergrund und man sieht den eigentlichen Menschen, um den es geht, viel klarer. In meiner Gruppe war das sogar noch etwas intensiver, da wir über Weihnachten und Neujahr 4 Wochen lang keine Zu- oder Abgänge hatten. Das ist wirklich ungewöhnlich, denn sonst ist eine Gruppe für maximal 2 Wochen stabil. Das hat uns ganz schön zusammengeschweißt. Und da wir zu siebt waren, hat es nicht lange gedauert, bis wir uns als die sieben Zwerge bezeichnet hatten. Ist ja auch eigentlich ganz passend, denn bei der Therapie haben wir oft ganz tief gegraben und jeder von uns durfte zusätzlich mal Schneewittchen oder böse Königin spielen.
Überhaupt gab es in der Klinik eigentlich nie schlechte Tage, denn die Tage, an denen es mir emotional oder auch körperlich schlecht ging, waren im Rahmen der Therapie trotzdem gute Tage. Ich hatte gerade an solchen Tagen die besten und tiefstgreifenden Erkenntnisse, da ich keine Kraft hatte, irgendeine Art von Schutzschild aufrecht zu erhalten. So war ich viel näher dran an den Kernthemen und Gefühlen. Dass die Verbindung zwischen Körper und Seele wirklich so eng ist, hätte ich nicht gedacht. Ich hatte manchmal sogar den Eindruck, dass mich mein Körper “absichtlich” schwächt, damit ich besser dran bleiben kann. Doch war das scheinbar der einzige Weg, um mich aus meinem Hamsterrad zu schmeißen. Ob ihr’s glaubt oder nicht: Es war mir auch in der Klinik möglich, v.a. am Anfang, ein hohes Maß an Geschäftigkeit aufrecht zu erhalten. Man nimmt sich eben immer überallhin mit. Es hat nicht allzu lang gedauert, bis mir eine Mitpatientin den Hamster als Gradmesser für meine Stimmung zur Seite gestellt hat: Ging’s mir emotional gut, war der Hamster im Hamsterrad und ist gerannt, ging’s mir schlecht, war er gerade im hohen Bogen aus dem Rad geflogen und ist eher hart gelandet. Ich versuche daher, dem Hamster in mir gerade beizubringen, dass man im Hamsterrad auch langsam laufen oder es sich auch dem Hamsterrad gemütlich machen kann. Mal sehen, wie das klappt.

Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich in der Klinik an Erkenntnissen, Ansatzpunkten und neuen Sichtweisen mitnehmen konnte. Der geschützte Rahmen hat mir auf jeden Fall dabei geholfen, mich zu öffnen, und es war schön, sich so angenommen und aufgehoben fühlen zu können. Da gibt es natürlich schon einiges, was mir fehlt, seit ich wieder zuhause bin. Doch habe ich mich auch sehr auf zuhause gefreut, denn erst im Alltag wird sich zeigen, wie ich das Neue in mein Leben integrieren kann. Dafür bedarf es natürlich noch weiterer Unterstützung im Rahmen einer ambulanten Therapie. Mit 9 Wochen intensiver Behandlung ist es leider noch nicht getan. Aber es war für mich ein ganz toller Anfang.
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4 Kommentare:

Sandra hat gesagt…

Liebe Julia,


schön das Du wieder da bist. Ich bin froh zu lesen, dass es Dir in der Klinik gut ergangen ist. ( Das ist nicht immer der Fall....) Ich wünsche Dir von ganzen Herzen, alles Liebe und Gute und vor allem viel Kraft, Zuversicht, Geduld und viele gute Momente beim "ankommen".
Ich fand den Part des wieder draußen sein oft am schwersten, weil die Klinik ein geschützter Raum war. Ich drück Dir auf jedenfalls die Daumen!


LG, Sandra

Mimi hat gesagt…

WOW Julia schöner Post. Auch sehr mutig und sehr wichtig. Warum? erzähl ich dir morgen am Telefon. Aber du hast mir gefehlt und ich freu mich dass du wieder da bist :)

Dani @ www.flowersonmyplate.de hat gesagt…

Schön, dass du wieder da bist! Ich habe erst kürzlich auf deinen Blog gefunden und freue mich sehr darüber und auch auf das, was weiterhin kommt. Danke für deine ehrlichen Worte und den Einblick in deine Klinikzeit. Ich wünsche dir alles Liebe und dass du gut zurück im Alltag ankommst! LG, Dani

Ulli hat gesagt…

Schön, das du wieder da bist!!! Ich hatte Anfang Jänner eine Operation und bin seither auch noch im "Off", ich nutze diese Zeit auch für etwas "Innenarbeit" und merke immer wieder das ich einfach noch nicht wieder bereit bin fürs "normale" Leben...also was du geschrieben hast, das dich dein Körper teilweise absichtlich geschwächt hat, das kann ich derzeit sehr gut nachempfinden!! Alles Liebe weiterhin!! lg Ulli

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