Grenzgebiete

In den letzten Wochen und Monaten habe ich gelernt, dass die Grenzen der Belastbarkeit ganz individuell sind.
Was für den einen auf Dauer eine Belastung ist, ist für den anderen nicht mal einen Gedanken wert. Dennoch hat jede Belastungsgrenze ihre Daseinsberechtigung, so unterschiedlich die Grenzen für jeden einzelnen auch sein mögen. Das ist so, wie bei den verschiedenen Ländern auf unserem Planeten: Jedes Land hat andere Grenzen und manchmal ändern sich diese Grenzen auch.
Aber es kann schwierig sein, seine eigenen Belastungsgrenzen zu akzeptieren. Auch das musste ich lernen.

Zu erkennen geben sich Grenzen relativ schnell. Wenn man sich ihnen nähert, spürt man einen inneren Widerstand. Zuerst noch schwach, wenn man das Grenzgebiet erreicht, dann immer stärker, je weiter man sich dem Grenzzaun nähert. Das ist vergleichbar mit einem Minenfeld, das im Grenzgebiet gelegt wurde. Die Minen stehen für die Opfer, die man bringen muss, wenn man an seine Grenzen geht. Und je näher man sich dem Grenzzaun nähert, desto mehr Minen sind gelegt. Man muss also genau aufpassen, wo man hintritt, denn man möchte natürlich so wenig Minen wie möglich erwischen.  Manche Minen fügen einem nur kleine Verletzungen zu. Andere können jedoch mit nur einem Tritt schweren Schaden anrichten.
Bevor wir uns also auf den Weg in das Grenzgebiet machen, versuchen wir herauszufinden, wie gefährlich das Grenzgebiet ist, ob es stark vermint ist und welche Minen verlegt wurden. Manche Grenzgebiete meinen wir, im Vorfeld gut einschätzen zu können, da wir viele Informationen dazu haben. Auf Basis dieser Informationen treffen wir die Entscheidung, ob wir uns hinein wagen und wenn ja, mit welcher Strategie. Über andere haben wir nur wenig Informationen. Wenn wir dort nicht unbedingt hin müssen, so versuchen wir diese Gebiete zu meiden. Wie es aber wirklich im jeweiligen Grenzgebiet aussieht, das kann uns niemand mit Sicherheit sagen. Es kann alles gut verlaufen, ein scheinbar ungefährliches endet vielleicht mit einer Katastrophe oder äußere Umstände zwingen uns in ein unsicheres Gebiet. Wir werden es erst herausfinden, wenn wir uns hineinwagen.

Auch ich wurde in eines meiner Grenzgebiete gedrängt: ein Dasein als Berufspendler, das mich zwang mehrere Tage jede Woche von zuhause weg zu sein.
Ich wusste im Vorfeld, dass ich mich in ein unsicheres Gebiet aufmache, in das ich nicht unbedingt freiwillig gehen wollte. Als ich dann in dieses Grenzgebiet geschickt wurde, habe ich mir gedacht, dass es vielleicht gar nicht schlecht ist, endlich mal herauszufinden, wie die Grenzen dort bei mir abgesteckt ist. Denn in meinem Job werden gewissen Anforderungen an dieses Gebiet gestellt. Ich habe nach relativ kurzer Zeit festgestellt, dass ich viel schneller tief im Grenzgebiet war, als man es von mir erwartete. Ich habe mich gefragt, warum dass Grenzgebiet bei mir so schnell gefährlich wurde und für andere in der selben Situation nicht mal der Rand eines Grenzgebiets in Sicht war. Ich habe versucht herauszufinden, warum es bei mir so gefährlich ist, warum ich keine Möglichkeit finde, die Minen zu entschärfen. Doch habe ich darauf keine Antwort gefunden. Das einzige, was ich machen konnte, war zu akzeptieren, dass es nun einmal so ist.

Jedes Mal, wenn wir uns in ein Grenzgebiet aufmachen, stellt sich die Frage, ob es sich lohnt, das Grenzgebiet auszuweiten oder sogar die Grenze zu überschreiten.
Manchmal, da lohnt es sich, die Belastung auszuhalten, die sich durch den Gang durch das Grenzgebiet ergibt, da man diesen Weg beschreitet, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Man kann die Belastung noch eher aushalten, wenn das Ziel für einen persönlich wichtig ist, wenn man weiß, dass man es für etwas Größeres tut. Der Gedanke an das Ziel kann einen motivieren, Opfer zu bringen, denn das Erreichen des Ziels wird es einem tausendfach zurückzahlen. Ohne dieses Ziel oder wenn das Ziel auf dem Weg verloren geht, wird es jedoch schwierig, auf Dauer der Belastung stand zu halten. Für mich wurde jede Abreise zu einem Tritt auf eine Mine, dann jede Nacht, die ich nicht zuhause war, jedes Kofferpacken, jede Fahrt usw. Am Ende hat nur der Gedanke an die nächste Abreise gereicht, dass eine Mine hochgegangen ist. Ich habe mich irgendwann gefragt:  “Ist es mir denn wirklich wert, den Grenzzaun zu erreichen, geschweige denn, die Grenze auszuweiten?” Und irgendwann war die Antwort: “Nein, das ist es nicht.”

Egal in welchem Grenzgebiet man sich jedoch befindet, in der Regel hat man immer die Möglichkeit, sich von einem Hubschrauber wieder in die sichere Zone zurückbringen zu lassen. Wann man den Hubschrauber anfordert, muss jeder für sich selber entscheiden. Der Hubschrauber kommt nicht automatisch, wenn das Grenzgebiet ein bestimmter Gefährdungsgrad erreicht oder wenn man sich ein bestimmtes Maß an Verletzungen zugezogen hat. Manchmal fordern auch anderen den Hubschrauber für einen an, aber dann ist häufig schon ein kritisches Stadium erreicht. Und manchmal kommt der Hubschrauber zu spät.
Wenn man sich dazu durchringt, Hilfe anzufordern, dann möchte wir oft nicht, dass es für andere so aussieht, als ob es viel zu früh war. Ich habe versucht, immer noch ein bisschen länger durchzuhalten, denn das Rufen des Hubschraubers kam mir so vor wie ein Versagen. Und ich wollte nicht versagen! Ich wollte stark sein, den Anforderungen gerecht werden, die andere mit Leichtigkeit erfüllen. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Auch das Anfordern des Hubschraubers ist ein Zeichen von Stärke und es ist nicht schlimm, wenn man Erwartungen, egal, ob man sie nun sich selber stellt oder ob dies andere tun, nicht gerecht wird. Es läuft eben nicht immer alles nach Plan und das muss es auch nicht.

Als ich den Hubschrauber angefordert habe, hatte ich keine Angst mehr vor den möglichen Konsequenzen. Das war für mich ein ganz wichtiger Schritt, denn nur dadurch konnte ich sagen: “Ich will zurück in sicheres Gebiet.” Ohne wenn und aber. Ansonsten hätte ich vielleicht den Vorschlag gemacht, dass man mich nur in einen Teil des Grenzgebietes zurückbringt, der etwas weniger gefährlich ist. Ich wäre nicht dafür eingestanden, dass man mich den ganzen Weg zurückbringt. Aber genau das war für mich der entscheidende Punkt.

Aktuell bin ich noch in der sicheren Zone.
Bestimmte Grenzen sind bei mir jetzt klar abgesteckt.
Am Freitag wird sich klären, wie die nächsten Schritte aussehen. Ich bin schon gespannt, wie es weitergeht! Smiley

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.