10 Dinge, die mich Marathon und Vorbereitung gelehrt haben (und für die ich sehr dankbar bin)

Eine Woche ist seit dem Frankfurt-Marathon ins Land gegangen. So hatte ich die letzten Tage nicht nur die Möglichkeit, mich körperlich einigermaßen davon zu erholen, sondern auch Zeit darüber nachzudenken, was ich aus dieser Erfahrung gelernt habe. Damit meine ich nicht nur den Marathon selbst, sondern auch die gesamte Vorbereitung. Allein für diese Erkenntnisse hat sich der ganze Aufwand schon gelohnt. Die Finisher-Medaille ist sozusagen das Sahnehäubchen und ein tolles Andenken an diese Erfahrung.

Medaille


1. Die volle Marathondistanz ist für mich zur Zeit zu lang.
Diesen Punkt habe ich schon in meinem Bericht zum Marathon erwähnt, doch darf er hier natürlich nicht fehlen. Denn das ist wohl so etwas wie die Quintessenz aus diesem ganzen Vorhaben. Die meisten der nachfolgenden Punkte sind sozusagen die Begründung dafür, warum die volle Marathondistanz aktuell für mich zu lang ist.

2. Es muss schon viel passieren, bis ich wirklich aufgebe.
Ich habe war zwar schon vorher gewusst, dass ich einen recht stark ausgeprägten Durchhaltewillen habe. Doch wie groß er wirklich ist, ist mir während des Marathons erst so richtig bewusst geworden: Ich hatte während des Großteils des Laufs wenig Spaß, dafür umso größere Schmerzen, aber ich konnte einfach nicht aufgeben, solange ich noch irgendwie die Möglichkeit sah, über die Ziellinie zu laufen. Ich habe mich die ganze Zeit selbst gefragt, warum ich eigentlich noch weitermache. Die einzige Antwort, die mir darauf in den Sinn kam war “Wenn’s schon so weh tut, dann will ich wenigstens mit der Finisher-Medaille dafür belohnt werden.” Es trotz aller Widrigkeiten bis zum Ende durchzuziehen hat mir ein wahnsinniges Gefühl der Zufriedenheit verschafft.
Doch stelle ich mir natürlich schon die Frage, zu welchem Preis ich mir diese Zufriedenheit erkauft habe. Rückblickend finde ich, dass er ganz schön hoch war. Denn dieses Durchhaltevermögen kann positive und negative Konsequenzen haben, die ich in Zukunft einfach bewusster abwägen möchte. Wenn ich schon nicht aufgeben kann, dann will ich wenigstens nicht ganz so lange “leiden” müssen. 😉

3. Ich brauche mehr Flexibilität beim Sport.
Mein Sportprogramm ist ja seit vielen Jahren sehr abwechslungsreich gestaltet, was hauptsächlich daran liegt, dass ich mich einfach nicht dauerhaft auf eine Sache festlegen kann. Ich bin eben nicht jemand, für den z.B. das Laufen dauerhaft im Fokus steht und andere Sportarten nur Ergänzung dafür sind.
Speziell in den letzten acht Wochen vor dem Marathon habe ich gemerkt, dass das Laufen für mich zu sehr überhand genommen hatte – und dabei bin ich nur drei Mal die Woche gelaufen. Aber in dieser Phase der Vorbereitung waren die Umfänge des Lauftrainings in Summe für mich einfach zu viel und ich hatte neben Laufen und meinen Kursen zu wenig Spielraum für andere sportliche Aktivitäten. Gleichzeitig war ich mir natürlich bewusst, dass das die wichtigste Phase der Vorbereitung war, in der ich möglichst keine Laufeinheit ausfallen lassen wollte. Das hat natürlich zu einem gewissen Unmut geführt.
Mir wurde dadurch wieder erneut bewusst, dass ich einfach mehr Freiraum für Flexibilität beim Sport brauche, damit ich das machen kann, worauf ich Lust habe.

4. Die Bedeutung von Freizeitsport hat sich verändert.
Dieser Punkt geht Hand in Hand mit dem vorher genannten. Ich brauche nicht nur ganz grundsätzlich eine gewisse Flexibilität beim Sport, damit ich langfristig Spaß dabei habe. Vielmehr habe ich gemerkt, dass Freizeitsport für mich eine andere Bedeutung bekommen hat, seit ich auch beruflich sportlich aktiv bin. Allen voran meine ich damit natürlich die Fitnesskurse, die ich unterrichte und bei denen ich immer gerne volle Power gebe. Diese Kurse sind für mich natürlich auch Sport, stehen jetzt aber ganz fest in meinem Terminkalender. Ich kann sie schlecht absagen, weil ich von meinem privaten Training so kaputt bin, Muskelkater habe oder lieber was anderes machen würde. Schließlich verdiene ich mir damit auch meinen Lebensunterhalt. Nicht nur der Umfang der Marathonvorbereitung kam mir da in die Quere, sondern auch, dass dadurch zusätzliche recht feste Sporttermine in meinem Kalender standen, die mir ab und an zu viel waren.

5. Aus kleinen Störfaktoren werden bei ganz langen Läufen auf einmal große Störenfriede.
Manchmal waren es wirklich nur Kleinigkeiten, die mir die Stimmung bei den Läufen über zwei Stunden vermiest haben: Das Haargummi saß zu fest oder zu locker, die Kopfhörer haben nicht richtig im Ohr gehalten, auf einmal war die Haut an einer Stelle wund gescheuert usw. Lauter Kleinigkeiten, die man eine gewisse Zeit ganz gut dulden kann. Für mich war ab der 2-Stunden-Marke meistens Schluss damit und ich war tierisch genervt davon. Das Schlimmste dabei: Diese Kleinigkeiten passierten oft unvorhergesehen und konnten meist nicht auf die Schnelle behoben werden.

6. Das Gesamterlebnis zählt – nicht nur die Leistung.
Wenn ich in Zukunft bei Laufveranstaltungen an den Start gehe, dann nur noch mit einem Ziel: So viel Spaß wie möglich haben. Und das heißt eben nicht unbedingt, so schnell wie möglich zu laufen. Beim Solitude-Lauf dieses Jahr habe ich das für mich perfekt umgesetzt: Ich bin ohne jegliche Erwartungshaltung in Sachen Geschwindigkeit an den Start gegangen, bin daher von Anfang an in meinem Rhythmus gelaufen und hatte so viel Spaß wie noch nie bei einer Laufveranstaltung. Beim Frankfurt-Marathon konnte ich mich hingegen nicht von dem Zeitziel lösen und habe daher nicht darauf geachtet, dass es für mich z.B. auf den ersten Kilometern viel wichtiger gewesen wäre, zu schauen, wie ich mich trotz der vielen anderen Läufer wohlfühlen kann. Ich hoffe, dass ich aus diesen beiden völlig gegensätzlichen Erlebnisse in Zukunft wirklich lernen kann.

7. Ich bin meinem Körper wieder ein Stück näher gekommen.
Das Marathontraining hat mich an diverse körperliche Grenzen geführt. Doch statt wie in der Vergangenheit super genervt davon zu sein, dass nach zu großer körperlicher Anstrengung mein Magen übersäuert oder meine Rückenprobleme wieder stärker wurden, konnte ich sie jetzt besser annehmen und habe versucht, das beste daraus zu machen. Ich habe mich viel weniger für meine Schwächen und Einschränkungen verurteilt, sondern es eher als Anreiz gesehen, die Ursachen anzugehen. Speziell bei meinen Rückenproblemen, die hauptsächlich auf eine eingeschränkte Mobilität in der Brustwirbelsäule zurückzuführen sind, konnte ich in dieser Zeit sogar eine Verbesserung erreichen, da ich begonnen habe, diverse Mobilisationsübungen zu machen (die mir meine Physiotherapeutin gezeigt hat).

8. Scheitern kann man nur, wenn man es erst gar nicht probiert.
Früher hätte ich mein Abschneiden beim Marathon als großes Scheitern angesehen, da ich ja meine Erwartungen nicht erfüllen konnte (unter vier Stunden anzukommen und Spaß am Marathon zu haben). Ich habe daher früher viele Herausforderungen nicht gewagt, weil ich genau diese Art von Scheitern vermeiden wollte. Wenn man aber nur solche Dinge angeht, bei denen man den Ausgang recht sicher vorhersagen kann, wird das Leben ganz schön langweilig. Auch wenn ich enttäuscht war, dass gewissen Erwartungen unerfüllt blieben, so sehe ich das Experiment Marathon nicht als gescheitert an, da ich so viel daraus gelernt habe.

9. Es hat sich gelohnt, es bis zum Ende durchzuziehen.
Ich persönlich habe es einfach gebraucht, das Ding bis zum Ende durchzuziehen, auch wenn ich mich schon während der Vorbereitung oft genug gefragt habe, warum ich das eigentlich noch mache. Warum? Um eine für mich realistische Einschätzung davon zu bekommen, was es wirklich heißt, sich auf einen Marathon vorzubereiten und an den Start zu gehen. Hätte ich z.B. schon in der Vorbereitung abgebrochen, wäre ich für gewisse Erkenntnisse nicht offen gewesen. Ich hätte weiterhin ein Marathon-Idealbild im Kopf gehabt, dass eben nicht meiner Realität entspricht.

10. Ich liebe das Laufen immer noch.
Daran konnte auch dieses ganze Marathon-Drama nichts ändern. Und weil ich es so sehr liebe, gönne ich mir in den nächsten Wochen noch ein bisschen Pause vom Laufen. Außerdem werde ich es in Sachen Sport generell etwas ruhiger angehen lassen, damit ich wieder vollständig regeneriere. Ich will ja nächstes Jahr wieder über die Halbmarathondistanz an den Start gehen.

Was konnten ihr aus scheinbar missglückten Projekten und Experimenten lernen? Wie hat es euch weitergebracht?

1 Comment

  • Schön, dass dir deine Erfahrung die Liebe zum Laufen nicht genommen hat. Du hast vielleicht dein Ziel nicht erreicht, aber hey du hast die ganze Strecke gemeistert und für mich bist du damit ein absolutes Vorbild 🙂
    Ich wünsche dir, dass du dann nächstes Jahr beim Halbmarathon ne Menge Spaß hast und den ganzen Lauf (und die Stimmung) genießen kannst!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.