Elektronikfrei laufen – Mediation in Bewegung

Der Herbst zieht so langsam ein und das heißt für mich, dass das Laufen in den nächsten Wochen wieder an Bedeutung gewinnt: Ende Oktober trete ich beim nächsten Halbmarathon an. Daher stehen wieder Tempotraining, lange Läufe und mehr Verbindlichkeit in Sachen Trainingseinheiten auf dem Programm, worauf ich mich jetzt wieder freue.
Was mir in der Zeit seit dem Stuttgart-Lauf und nach der Sommergrippe aber auch viel Freude gemacht hat, war das ganze entspannte Laufen ohne Trainingsplan im Hinterkopf. Einfach nur Laufklammoten & Schuhe an und los! Und das meine ich wortwörtlich, da ich den ganzen “Elektronik-Krimskrams” einfach zuhause gelassen habe: Keine Musik, keine Herzfrequenzmessung, keine GPS-Überwachung. Im Ausnahmefall mal das Handy eingesteckt, wenn ich länger unterwegs sein wollte (das habe ich dann zur Sicherheit gerne dabei, falls mal was passieren sollte und ich es nicht mehr selbst nach Hause schaffe). Ich sage euch, das war ein ganz neues und wunderschönes Lauferlebnis für mich!

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Dass ich die Laufuhr zuhause lasse, das kam auch in der Vergangenheit schon öfter vor. Aber so ganz ohne Musik ging es sonst nur selten zum Laufen. Früher konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie ich 30 Minuten laufen ohne Musik überstehen sollte. Musik treibt eben nicht nur an, sie lenkt auch ab – davon, wie anstrengend es vielleicht sein mag, aber auch von den Gedanken im Kopf. Außerdem: Musik und Sport gehören für mich einfach zusammen! Daher liebe ich meine Les Mills Kurse ja auch so sehr.
In den letzten Monaten bin ich aber immer öfter ohne Musik laufen gewesen. Ich hatte einfach immer öfter das Bedürfnis, mich nicht noch mehr Beschallung auszusetzen und die Zeit draußen beim Laufen dazu zu nutzen, das wahrzunehmen, was schon von selbst da ist. Zur Sicherheit – man weiß ja nie, wann das, was von selbst schon da ist, einem nicht doch mal auf die Nerven geht – habe ich meinen iPod aber trotzdem noch oft mitgenommen, gerade wenn die langen Läufe für die Halbmarathonvorbereitung anstanden. Irgendwann ließ ich ihn aber zumindest für die kürzeren Läufe (also bis 60 Minuten) meist zuhause (nur nicht fürs Tempotraining – da brauche ich Power-Musik!), weil ich einfach keine Lust drauf hatte. Bei meinen längeren Läufen kam die Musik dann auch immer später zum Einsatz – sobald ich meine Schmerzgrenze erreicht hatte und für die letzten paar Kilometer doch noch ein bisschen Antrieb notwendig war.

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Dass ich in den letzten Wochen dann beides – iPod und Laufuhr – für alle meine Läufe zuhause gelassen habe, habe ich auch aus einer spontanen Lust heraus entschieden. Das sollte keine Challenge oder so werden. Ich hatte einfach Lust, mich selbst beim Laufen mehr zu spüren und sowohl meinen Körper als auch meine Gedanken wahrzunehmen. Ganz ohne Elektronik-Ablenkung. Von was ich mich aber gerne ablenken ließ, war meine Umgebung: Eichhörnchen, Enten, Regenbogen, die Abendsonne, Wegkreuzungen. Dafür bin ich dann auch gerne mal stehen geblieben. Das alles habe ich vorher nie so bewusst wahrgenommen! Und natürlich habe ich dann auch gespürt, wie oft mein Blick auch gerne auf meine Laufuhr gegangen wäre. “Hm, wie hoch mein Puls wohl gerade wirklich ist?” “Ob ich wirklich so langsam laufe, wie sich das gerade anfühlt?” “Ob ich die Strecke heute schneller gelaufen bin, als beim letzten Mal?” Während einer Vorbereitung sind das alles berechtigte Fragen, aber in einer Regenerationsphase kann man die gerne auch mal unbeantwortet lassen.

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Um solche Momente festzuhalten, ist das Handy doch ein guter Begleiter beim Laufen. 😉

Als ich dann bei Headspace entdeckt habe, dass es dort auch eine Achtsamkeitsübung gibt, die man beim Laufen machen kann, war klar, dass das jetzt der richtige Zeitpunkt für mich ist, das auszuprobieren. Gerade Ausdauersportarten eignen sich durch die oft gleichbleibenden Bewegungen super dafür, ein bisschen Achtsamkeitstraining einzubauen. “Einbauen” ist dabei das richtige Stichwort, denn es geht natürlich nicht darum, gleich während des gesamten Laufs seinen geistigen Fokus zu trainieren! Ich war dennoch erstaunt, wie leicht es mir fällt, meinen Fokus beim Laufen, wie in der Headspace-Übung empfohlen, auf meine Schritte zu lenken und erstmal nicht direkt meinen Gedanken nachzuhängen. Denn ich habe das Achtsamkeitstraining – oder auch die Meditation – bislang immer zu Beginn der Laufeinheit gemacht. Sozusagen erstmal beim Laufen ankommen: Tief durchatmen, die Umgebung wahrnehmen, die Aufmerksamkeit auf den Körper und dann auf die Schritte lenken. Der Fokus auf die Schritte hilft wie der Fokus auf den Atem oder ein Mantra dabei, einen Ankerpunkt zu haben, falls die Gedanken doch mal abschweifen. Je nachdem, wie wild es in meinem Kopf ist, zähle ich die Schritte (also wenn wild, dann zählen). Aber immer nur bis 20, das geht mir irgendwie am lockersten durch den Kopf, und dann wieder von vorne. Manchmal reicht aber auch nur ein “links-rechts-links-rechts”, um mit der Aufmerksamkeit nicht abzuschweifen. Und manchmal richte ich meinen Fokus nicht auf die Schritte, sondern auf die Atemzüge. Meist dann, wenn mir das Atem schwerfällt.
Wenn ich das in den ersten Minuten oder auch in der ganzen ersten Hälfte eines Laufes mache, dann habe ich danach viel mehr Raum, um meinem Geist und meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Das wiederum lässt mich das Laufen und das Erleben an der frischen Luft dafür nutzen, besser zu erkennen, was mich gerade wirklich beschäftigt, was für Ideen sich vielleicht entwickeln, was gerade wichtig ist, aber auch, was mich gerade bedrückt. Das ist für mich seit dem Ende meiner Therapie ein ganz wichtiger Aspekt!

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Mit dem anstehenden Halbmarathon werde ich mich natürlich wieder oft mit dem “Elektronik-Krimskrams” ausstatten, wenn es zum Laufen geht. Es geht ja überhaupt nicht darum, dass der “Elektronik-Krimskrams” was schlechtes sein. Alles hat seine Daseinsberechtigung! Aber ich denke, dass ich es dennoch bei der einen oder anderen Laufeinheit zuhause lassen kann, z.B. mein den eher entspannten Läufen, bei denen es weder um die lange Distanz, noch ums Tempo geht. Bei meinen Hausstrecken weiß ich ja eh, wie lang sie ungefähr sind, sodass ich das Pensum gut abschätzen kann. Mal davon abgesehen geht es mir ja nicht um das Erreichen irgendwelcher Höchstleistungen, sodass es überhaupt nicht notwendig ist, dass ich jeden gelaufenen Meter irgendwie dokumentiert haben muss.
Für mich ist das Laufen durch diese neue Erfahrung noch wertvoller geworden! Gerade jetzt, wo Sport für mich nicht mehr nur privates, sondern auch berufliches Vergnügen ist, hat das Laufen als Mediation in Bewegung einen neuen Platz in meinem Herzen bekommen.

Wie sieht es bei euch aus? Seid ihr elektronikfreie Läufer oder geht nichts ohne Musik & Co. oder findet bei euch beides seinen Platz?
Ich freue mich sehr darüber, eure Erfahrungen in den Kommentaren zu lesen!

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