Etikettenwechsel: Mein Entschluss, Vegetarier zu werden

Ja, ja, so schnell kann’s gehen.
Es ist noch nicht allzu lange her, da habe ich mir das Flexitarier-Etikett umgehängt.
Und schon hänge ich mir wieder ein neues Etikett um: Das Vegetarier-Etikett.

Ihr habt richtig gelesen.
Ich habe mich während unseres Urlaubs dazu entschieden, dass ich auf Fleisch und Fisch in meiner Ernährung verzichten möchte.
Ihr fragt euch, woher der plötzliche Sinneswandel kommt?
In meinem Flexitarier-Post habe ich ja noch geschrieben, dass ich nicht vorhabe, auf den gelegentlichen Verzehr von Fleisch und Fisch zu verzichten.

Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, dann war es letzten Endes wahrscheinlich eine langfristige Entwicklung, der ich jetzt einen für mich logischen Abschluss gegeben habe.
Es gab aber auch ein entscheidendes Erlebnis, welches zu diesem Abschluss geführt hat und welches während unseres Urlaubs stattgefunden hat: Ich habe das Buch Skinny Bitch gelesen und speziell das Kapitel über Massentierhaltung und die Missstände in den Schlachthöfen ist mir so nahe gegangen, dass es für mich nur diesen Entschluss geben konnte. Wahrscheinlich wäre ich zu dem selben Entschluss gekommen, wenn ich ein anderes Buch über Massentierhaltung gelesen hätte, wie z.B. Eating Animals (was ich gerne noch lesen möchte).

Es ist nicht so, als ob ich nicht “gewusst” hätte, was Massentierhaltung und Schlachten im Akkord bedeutet, aber ich habe wohl den einfachen Weg der Ignoranz gewählt und trotzdem Fleisch gegessen. Auch wenn ich wenig Fleisch gegessen habe, so war es trotzdem Fleisch aus dem Supermarkt oder vom Metzger, was genau aus dieser grausamen Massentierhaltung entstammt. Zu lesen, dass Hühnern ohne Betäubung die Schnäbel angeknipst werden, damit sie sich in der Enge, in der sie gehalten werden, nicht zu Tode picken oder dass Tieren ohne Betäubung die Genitalien abgeschnitten werden, hat mich fast spucken lassen (und tut es immer noch). Zudem wird über Missstände in Form von Tierquälerei in den Schlachthöfen geschrieben, die einfach nur widerwertig sind. Ja, es geht um Missstände in US-amerikanisch Schlachthöfen – aber warum sollte das bei uns anders sein? Und mal ganz ehrlich: Wenn Tiere im Akkord getötet werden, kann da wirklich alles nach Vorschrift laufen? Ist immer gewährleistet, dass die Tiere vor dem Töten richtig betäubt wurden?
Und selbst wenn beim Schlachten alles nach Plan lief, wie “gesund” ist das Fleisch wirklich, dass wir essen, wenn es vollgepumpt ist mit Hormonen und Antibiotika?
Von den ökologischen und ökonomischen Auswirkungen der Massentierhaltung fange ich jetzt gar nicht an.

Ich bin weiterhin nicht der Meinung, dass es für den Menschen grundsätzlich ungesund ist, ab und zu Fleisch oder Fisch zu essen, so wie es ja häufig diskutiert wird (der Mensch als reiner “Pflanzenfresser”). Doch hat mir dieses Buch klar vor Augen geführt, wo denn eigentlich das Fleisch herkommt, was wir als gesundes Lebensmittel bezeichnen und essen. Und da mich das nicht kalt gelassen hat und ich ganz tief in mir drin weiß, dass ich diesen Umgang mit Tieren eigentlich nicht akzeptieren kann, war für mich der logische Schluss, dass ich dann darauf verzichten muss. So möchte ich kein Fleisch essen.

Ich habe auch keine Angst, dass ich durch den Verzicht auf Fleisch und Fisch irgendwelche Mangelerscheinungen bekomme, denn eine vielseitige und bewusste vegetarische Ernährung verhindert dies automatisch. Und eine solche Ernährungsweise habe ich ja eh schon größtenteils gelebt. Trotzdem wird es natürlich eine Umstellung sein. Ich werde in Zukunft immer anmelden müssen, dass ich Vegetarier bin, wenn ich zum Essen eingeladen werde. Ich werde bestimmt bei vielen Restaurantbesuchen die Bedienung nach einer vegetarischen Option fragen müssen, weil die Speisekarte nichts hergibt. Ich werde mich ob meiner Entscheidung oft erklären müssen. Weihnachten wird auch eine Herausforderung sein. Und natürlich werde ich Lust bekommen auf Brathähnchen, Hackfleisch und Steak. Aber irgendwie sehe ich diese ganzen Punkte nicht mehr so kritisch wie früher.

Das Buch Skinny Bitch geht noch weiter als Vegetarismus und fordert eine vegane Ernährung. Die Diskussion über den Verzehr von Milchprodukten finde ich völlig gerechtfertigt, denn eigentlich ist es schon total unnatürlich, dass wir die Milch von Tieren verzehren. Und ich bin auch nicht ganz konsequent in meiner Argumentation, dass ich was gegen Massentierhaltung habe, aber trotzdem weiter Milchprodukte esse. Aktuell fühle ich mich aber noch nicht dazu “bereit”, auf Milchprodukte verzichten zu können, so wie ich auch lange nicht bereit war, auf Fleisch zu verzichten. Ja, ich liebe Käse und Joghurt – so einfach ist das. Ich versuche dennoch, meinen Konsum von Milchprodukten zu reduzieren und hoffe, dass ich durch den Kauf von Bio-Milchprodukten eine artgerechtere und nicht ganz so grausame Tierhaltung unterstütze.

Die Entscheidung, mich vegetarisch zu ernähren, ist eine ganz persönliche Entscheidung.
Das wird mir bestimmt nicht immer perfekt gelingen. Es wird viele Situationen geben, wo man mir nicht genau sagen kann, ob die Mahlzeit wirklich rein vegetarisch ist, oder man sagt mir, dass es so ist, und dann ist es doch nicht so (weil z.B. Fleischbrühe oder Bratensoße verwendet wurde). Aber es geht nicht darum, perfekt zu sein. Dafür ist die Lebensmittelwelt viel zu kompliziert. Es geht mir darum, dass ich mein bestes versuche.

Ich habe nicht das Ziel, andere bekehren zu wollen. Ich denke auch nicht schlecht von Menschen, die Fleisch essen.
Doch eine Sache wünsche ich mir schon: Dass man sich zumindest mal Gedanken darüber macht, wo das Fleisch herkommt, das man isst.
Und dann kann jeder für sich seine eigenen Schlüsse daraus ziehen.

5 Comments

  • Hey Julia,

    ich lese gerade deine Posts über deinen Weg zum Vegetarismus nach und finde es so spannend, dass wir in derselben Situation zu dieser Entscheidung gekommen sind (Urlaub, Buch über Massentierhaltung). Wir verwenden sogar dieselbe Wortwahl: "logische Konsequenz/ logischer Abschluss". 🙂
    Ich erkläre dich hiermit also zu meinem Vorbild und hoffe, dass ich meinen Weg genauso finde, wie du deinen!
    Ganz liebe Grüße und ich bin sehr froh, dich gefunden zu haben!

    Kristin

  • Wow, das ist ein großes Kompliment, dass du mich zu deinem Vorbild machst! Ich hoffe, ich enttäusche dich nicht.

    Ich habe das selbe gedacht, als ich deinen Beitrag gelesen haben: "Das hört sich genauso an wie bei mir." Ich bin auch sehr froh, dass wir uns gefunden haben und das wir uns gegenseitig in so vielen Dingen unterstützen können.

    Viele liebe Grüße
    Julia

  • Das Buch "Skinny Bitch" scheint wohl für Viele ein Grund zu sein, vollständig Vegetarier zu werden. Mich haben die Bücher "Tiere essen" von J. Safran Foer und "Anständig essen" von Karen Duve immerhin dazu gebracht, in der Fastenzeit auf Fleisch zu verzichten, was mir aber im Nachhinein recht einfach vor kam. Insgesamt finde ich, wenn man schon Fleisch isst, sollte man auf die Herkunft achten, da habe ich dann auch mit dem Essen an sich kein Problem. Trotzdem Respekt für deine Entscheidung – offenbar war es genau das Richtige für dich 🙂

  • Ich finde, jegliche Art der Reduktion des Fleischkonsums ist ein toller Schritt – v.a. wenn man dann auch noch auf eine gute Herkunft achtet.
    Und es stimmt, für mich war die Entscheidung einfach richtig! Ich fühle mich mit meiner Ernährungsweise so wohl wie noch nie. Und darauf kommt es doch an, oder?

  •  Ich bin ganz deiner Meinung. Es nützt ohnehin nichts missionieren zu wollen, den Entschluss muss schon jeder selbst fassen, wie er das handhabt. Und es ist ja oft auch noch von vielen anderen Faktoren abhängig 🙂 Und zum Glück muss man sich ja nicht immer ein Etikett aufkleben, wenn man mal einen Abstecher ins vegane oder vegetarische oder wieauchimmer Leben machen möchte. Ich habe bei einer Bloggerin zuletzt 30 Tage ihre Vegan-For-Fit-Challenge verfolgt und war erstaunt, wie toll das Essen aussah und was man da doch alles essen kann. Manchmal ist man sich seiner Vorurteile nicht einmal bewusst – ehe sie ausgeräumt werden 😉

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